“Der kleine Tag” Die Geschichte

Die Geschichte ist fantastisch, simpel, und wenn wir ihr glauben möchten, wiederholt sie sich jeden Tag:

DER KLEINE TAG

Im Lichtreich weit über der Erde leben alle Tage, die von gestern, die von morgen und die von übermorgen. Sie alle kommen nur einmal im Leben auf die Erde und nehmen anschließend im Kreis der Tage ihren Platz ein , -je nach historischer Bedeutung in einer der ersten Reihen oder auch aufgrund allzu großer Beliebigkeit auf einem der hinteren Plätze.

Und dann ist da so ein ganz kleiner, lebenshungriger, neugieriger Tag, der es gar nicht erwarten kann, auf die Erde zu kommen. Ängstlich und unsicher vor dem Neuen, Unbekannten, das ihn erwartet, stürzt er sich an „seinem Tag“, einem 23. April, durch ein dunkles Sternenloch auf die Erde und erlebt ein alltägliches Abenteuer: Eine Familie zieht um, Handwerker reparieren eine defekte Stromleitung, Jugendfreunde finden sich nach Jahrzehnten wieder. Die Menschen sind glücklich, gehen ihrem Alltag nach. „Der Kleine Tag” freut sich über alles, was er sieht. Begeistert erzählt er den anderen Tagen nach seiner Rückkehr ins Lichtreich von seinen Erlebnissen  —und wird ausgelacht. Denn sein Datum wird nicht den Weg in die Lexika und Geschichtsbücher finden. Es gab keine revolutionären Erfindungen, Naturkatastrophen oder sogar Kriege. Der kleine Tag ist darüber enttäuscht, dass man ihn für bedeutungslos hält.

Erst ein Jahr später wird sein Tag doch noch gewürdigt: Als bisher friedlichster Tag auf Erden.

Der kleine Tag träumt davon, auch ein bedeutender Tag zu werden. (Foto Dominique Leppin)

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